Die Geschichte vom tapferen kleinen Mucki

In einem linken Damenbein, genauer gesagt in der Mittelzone dessen Unterschenkels, lebte der kleine Mucki. Er war der jüngste Sproß der Familie und gehörte dem Geschlecht der Muskelfasern an.
Mit seinen zahlreichen Geschwistern, Onkel und Tanten war er sehr eng verbunden. Überhaupt stand die ganze Familie fest zusammen.
Viele Jahre führte die Familie Musculi ein recht lockeres Leben. Der Tagesablauf war geregelt, nicht besonders anstrengend, ja teilweise möchte man sagen, ereignisarm.
Da die Dame des Hauses seit Jahren einer sitzenden Tätigkeit nachging und ohnehin nur wenig lief, beanpruchte sie die Beinarbeit, insbesondere auch die der Wade, für die die Musculi zuständig waren, nur geringfügig. Das Ende vom Lied war, dass ein Großteil der Brüder und Schwestern des kleinen Mucki zusehenst verkümmerten.
Sie fristeten ihr Dasein als Saisonarbeiter oder waren gänzlich arbeitslos, schlecht ausgebildet und physisch in jammervollem Zustand. Miserable Ernährung und wenig Bewegung hatte die Familie in einen antriebslosen, unmotivierten und schlaffen Haufen von Jammerlappen verwandelt, der bei der kleinsten Anstrengung am liebsten kniff, sauer wurde und morgens total verkatert kaum seiner Hausherrin auf die Beine helfen konnte.
Die Altvorderen erzählten oft, an den langen Kaminabenden, wenn die Beine entspannt auf dem Sofa lagen und es rein gar nichts mehr zu tun gab, von den Heldentaten aus ihrer Jugend, als sie stramm und fit das Tanzbein schwangen. Vor vielen Jahren war hier noch richtig Leben in der Bude, sie waren damals jung und sportlich und es gab ständig was zu tun.
Besonders gerne hörte der kleine Mucki die Geschichte von jenem Schwimmwettkampf, den der Opa in seiner Jugend erlebt hatte.
Wochenlang hatte die Familie trainiert und hart gearbeitet und war in bester Verfassung. Bei einer Kraulstaffel, auf den letzten 20 Metern, wurden sie von einem bösartigen Krampf überfallen und hätten fast aufgeben müssen. Unter Aufbietung all ihrer Kräfte, hatten sie dennoch das Ziel erreicht und den Sieg davongetragen. Dieses Erlebnis hatte die Familie noch enger zusammengeschweisst.
Der kleine Mucki liebte diese Geschichte. Er träumte davon, einmal genauso groß und stark wie diese früheren Helden zu werden, Abenteuer zu bestehen und Wettkämpfe zu bestreiten.
Doch es gab einfach keine Aufgaben, an denen er wachsen konnte. Im Gegenteil, er erlebte den Verfall um sich herum und seine Hoffnung schwand, dass er jemals große Taten vollbringen würde. Klein und verkümmert vegetierte er in der Ödnes vor sich hin.
Eines Morgens aber veränderte sich seine ganze Welt.

Ausgelöst durch die Dechiffrierung eines geheimnisvollen Codes auf der Anzeige einer Personenwaage, herrschte plötzlich die Mobilmachung im ganzen Körper.
Einem alten, übermächtigem Feind wurde mal wieder der Kampf angesagt.
Er hatte sich klammheimlich überall eingenistet, und man gab ihm die Schuld an dieser ganzen Lethargie, Schwerfälligkeit und der großen Arbeitslosigkeit im ganzen Reich.
Nicht nur in der Heimat des kleinen Mucki, dem Bein, auch in den benachbarten Regionen, am Po, im Rücken, im Bauch, den Schultern, Armen, überall wurden die Clans der Musculi zur Waffenbrüderschaft aufgerufen, um sich der größten Aufgabe der vergangenen Jahrzehnte zu stellen. Die vielen verloren Schlachten sollten endlich Geschichte werden.
Und die Taktik der Strategen ging auf: sie starteten einen Überraschungsangriff gegen das Fett.
In harten Trainingseinheiten wurden die Clans der Musculi gestählt und aufgebaut, gewannen an Kraft und Geschmeidigkeit und konnten schließlich einen guten Teil des Gegners besiegen. Sie verbrannten ihn regelrecht und gründeten an seiner Stelle eigene neue Kolonien.
Der kleine Mucki und seine Verwandten blühten auf. Endlich gab es wieder was zu tun. Langweilig wurde es nie.
Die Ernährungslage hatte sich erheblich verbessert und Pflege und Wartung erfolgten regelmäßig und in guter Qualität.
So verbrachten sie zwei richtig aufregende Jahre.
Nach dem Einstieg mit dem Fahrradfahren lernten die Musculi das Schifahren und fingen parellel dazu auch noch mit dem Tennistraining an.
Sie hatten regelmäßige Termine und stellten sich gut auf den neuen Fahrplan ein.
Der kleine Mucki war ein eifriger Schüler und gab sein Bestes.
Dann kam der Sommer und sie mußten temporär richtig ran. Die Musculi versuchten sich nach Kräften ihren Aufgaben zu stellen. Gutwillig leisteten sie ihren Dienst.
Alles schien gut zu laufen, bis plötzlich besonderen Wert auf "Beinarbeit" gelegt und das Arbeitstempo erheblich angezogen wurde. Es gab kaum noch Erholungsphasen, weil sie jetzt täglich rangenommen wurden. In der Wade überschlugen sich die Ereignisse. Die Muskelfasern waren äußerst gespannt und gereizt. Kreuz und quer wurden sie verdreht und gedehnt und sie standen ständig unter Strom. Manchmal 2 - 3 Stunden täglich. Ihre dezenten Hinweise auf die geleisteten Überstunden und mangelnde Pausenregelung wurde einfach ignoriert. Sie wurden schamlos ausgebeutet und verheizt. Und das Schicksal hatte sich unseren kleinen Mucki als Opfer ausgesucht...

An einem denkwürdigen Freitag zu Beginn der zweiten Stunde erlebte der kleine Mucki auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere, inmitten der Angriffsphase eines Tennismatches, als sich sein angestammter Muskelstrang zu einer mächtigen linksaußen Drehung anschickte, den Albtraum jeder Muskelfaser: er zerriß.
Ein übermächtiger Schmerz bemächtigte sich seiner, er spürte, wie das Blut aus seinen Gefässen entwich, er verlor seine Spannung und fiel schließlich in eine gnädige Ohnmacht.
Als er wieder zu sich kam, bekam er kaum Luft. Er und seine Geschwister waren fest zusammengebunden.
Es war mächtig kühl auf einmal, aber nicht unangenehm. Er konnte sich nicht rühren und hatte irgendwie einen fürchterlichen Brummschädel. Schmerzen spürte er keine, aber irgendwas war komisch. So dumpf und abgetörnt. Bevor er herausfinden konnte, was eigentlich los war, schlief er schon wieder ein.
Am dritten Tag nach dem Unglück herrschte immer noch bedrückende Stille in der Wade.
Kein Musculi gab auch nur einen Mucks von sich. Es herrschte Arbeitsverbot für den gesamten Unterschenkel.
Der kleine Mucki war verzweifelt. Er hörte, das seine Herrin traurig war, weil sie nicht mehr laufen konnte und "ausgebremst" worden war.(?)
Er gab sich selbst die Schuld an dieser ganzen Misere. Er hatte versagt. Sie war sicher schrecklich enttäuscht von ihm.
Und während er mit den Tränen kämpfte, hörte er auf einmal ihr helles, lautes Lachen.
Alles was er verstehen konnte war, dass sie ihn offensichtlich sehen konnte. Sie beobachtete ihn mittels Ultraschall.

In späteren Tagen werden sich die Musculi erzählen, dass der kleine Mucki zu einer wichtigen geschichtlichen Wandlung im Hause seiner Herrin beigetragen habe. Man wird zu berichten wissen, dass er sogar aus Dankbarkeit Titelheld einer eigenen Geschichte geworden sei.....